Kein Klimaschutz mit erhobenem Zeigefinder

Diskussion in der Reihe Marktplatzgespräche zum Thema Nachhaltigkeit

Marktplatzgespräch über Nachhaltigkeit. Mit Naomi Brendler, Dr. Christian Terfloth, Kat Schmidt, Johann Dralle, Dr. Sarah Köhler, Dieter Bökemeier und Monika Korbach (von links).

Kreis Lippe/Detmold. In der Reihe Marktplatzgespräche stand im Gemeindehaus am Markt in Detmold die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt. Unter dem Titel „Butter bei die Fische - Margarine an den Tofu. Wie radikal muss Nachhaltigkeit sein?“ diskutierten der Nachhaltigkeitsreferent der Lippischen Landeskirche, Johann Dralle, Dr. Sarah Köhler von der „Ökumenischen Arbeitsstelle Anthropozän“ (Heidelberg), die Klimaaktivisten Naomi Brendler (Fridays for Future, Lemgo) und Kat Schmidt (Artists for Future, Detmold) sowie Dr. Christian Terfloth (Jowat Klebstoffe, Detmold) unter der Moderation von Dieter Bökemeier und Monika Korbach (beide Lippische Landeskirche). Musikalisch umrahmte das Saxophonquartett „AbraxSax“ den Abend.

Brauchen wir radikale Verbote oder ist eher eine Politik der kleinen Schritte erfolgversprechend. Was genau müssen wir ändern? Johann Dralle ist Ansprechpartner für die 66 Kirchengemeinden der Lippischen Landeskirche zur Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes, das die Synode 2016 beschlossen hat, und engagiert sich für eine zukunftsfähige gerechte Gesellschaft. Klimaschutz mit erhobenem Zeigefinger bringe seiner Meinung nach wenig und stoße auf Widerstand. Er stellte die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung („Sustainable Development Goals“ - SDG) der Vereinten Nationen vor, die seit 2016 weltweit der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene dienen sollen.

Dr. Christian Terfloth betonte, dass die Detmolder Firma Jowat-Klebstoffe sich zu den Zielen „Nachhaltige Entwicklung“ und „Verantwortliches Handeln“ bekannt habe und die Vision habe, ein CO2-neutrales und abfallfreies Unternehmen zu werden. Von radikalen politischen Veränderungen und Kapitalismuskritik halte er allerdings nichts. „Der Kapitalismus ist nicht das Problem, er muss das Problem lösen!“ Kunststoff an sich sei nicht schlecht, aber die Entsorgung müsse die Ressourcen besser wieder in den Kreislauf zurückführen. Der Käufer habe die Auswahl und könne sich für ökologische Produkte entscheiden. Dem widersprach Dr. Sarah Köhler. Der Verbraucher habe nicht immer die Wahlfreiheit, ökologische Alternativen zu finden. Hier sei die Politik gefragt. Wir alle seien Teil des Problems und sollten gemeinsam Teil der Lösung werden. Sie definierte den Begriff „Anthropozän“ als Epoche, wo menschliches Handeln zum wichtigsten Einflussfaktor der Weltveränderung geworden sei. Seit 1950 stürze der Mensch die Welt in eine beschleunigte Krise.

Kat Schmidt wies darauf hin, dass Klimagerechtigkeit alle anderen Ziele wie Sozialgerechtigkeit beinhalte. Es gebe keine einfache To-do-Liste, wie der Einzelne die Welt retten könne. Das führe bei jungen Leuten oft zur Frustration. In einer komplexen Gesellschaft könne der Einzelne oft nicht viel machen. Es müsse etwas von oben passieren und wenn da nichts komme, müsse der Druck von unten steigen.

Naomi Brendler, Abiturientin des Marianne-Weber-Gymnasiums in Lemgo, hat zusammen mit Aktivisten der „Fridays for Future“-Bewegung Landrat Dr. Axel Lehmann 2.000 Unterschriften überreicht, damit der Kreis Lippe den Klimanotstand ausrufen möge. Die Bekämpfung des Klimawandels habe für sie Priorität, da er drohe alle anderen Faktoren auszulöschen. Der Klimawandel müsse von allen Generationen gemeinsam angegangen werden.

Die rund 70 Gäste kamen mit den Teilnehmern des Podiums ins Gespräch. So verdeutlichte Landwirt Ulf Allhoff-Cramer den katastrophalen Zustand der Wälder, in dem alle Fichten durch die Erderwärmung sterben würden. Auch Buchenwälder seien am Limit. „Eine sozialverträgliche Radikalität“ sei nötig, die die Politiker in die Pflicht nehme, die eigenen Klimaziele von minus 40 Prozent bis Ende 2020 einzuhalten. Der Markt allein werde es nicht richten können.

Die Teilnehmer des Podiums erhielten viel Applaus und zum Dank von Monika Korbach einen Nachhaltigkeits-Becher aus dem Eine-Welt-Laden Alavanyo.

11.03.2020

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