Hinter der Idylle verbirgt sich eine rechte Ideologie

Theologe Matthias Pöhlmann referiert in Detmold über die „Anastasia-Bewegung“

Landespfarrer Horst-Dieter Mellies, Beauftragter der Lippischen Landeskirche für Weltanschauungsfragen, konnte als Referent Dr. Matthias Pöhlmann im Landesmuseum begrüßen. v.l.

Detmold. Die Bilder ihrer „Familienlandsitze“ wirken hübsch und idyllisch, doch dahinter steckt ein antisemitisches und rechtes Gedankengut. Über die Gefahren der „Anastasia-Bewegung“ hat der evangelische Theologe Dr. Matthias Pöhlmann in einem Vortrag im Lippischen Landesmuseum Detmold aufgeklärt.

Die zentrale, namensgebende Figur der Bewegung entstammt der zehnbändigen esoterischen „Anastasia“-Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre, die zwischen 1996 und 2010 entstanden ist und mittlerweile eine Gesamtauflage von über 11 Millionen Exemplaren hat. Die Titelheldin wird als blond und blauäugig gezeichnet, sie lebt in der Taiga und spricht mit Tieren. „Anastasia ist ein Mythos, eine Märchenfigur, aber der Autor erweckt den Eindruck, dass sie tatsächlich existiert und will sogar mit ihr geredet haben“, erklärte Pöhlmann.

Immer wieder kommen in den Büchern antidemokratische, antisemitische und rassistische Vorstellungen zum Ausdruck, wie der Referent anhand von Originalzitaten aufzeigte. Sie greifen uralte antisemitische Stereotype wie den vermeintlichen „Wucher“ der Juden und ihre Einflüsse auf die Finanzwelt auf; levitische Priester werden als heimliche Drahtzieher im Hintergrund dargestellt, die danach trachten, Anastasia als Erlöserfigur aus dem Weg zu räumen.

Die daraus entstandene Bewegung hat sich in Deutschland spätestens ab 2014 etabliert. Eine besondere Bedeutung kommt Pöhlmann zufolge der Ökologie zu: „Das Zauberwort lautet ‚Familienlandsitz‘.“ Im Internet findet man idyllische, modellartige Bilder von Anwesen, die sich selbst versorgen, der Theologe nannte als Beispiel die Siedlung „Weda Elysia“ in Gernrode im Harz. Auch im lippischen Raum sind Ansiedlungsversuche bekannt. „Grundsätzlich sind die Siedlungsorte so ausgewählt, dass sie eher abgelegen, ruhig und günstig zu erwerben sind, weshalb ein Schwerpunkt auf den Neuen Bundesländern liegt.“

Darüber hinaus gab Pöhlmann mit weiteren Buchveröffentlichungen, Zeitschriften, Internetseiten und Berichten von Kongressen, auf denen er selbst auch immer wieder „undercover“ unterwegs war, weitere Einblicke in die Szene. Im Zuge der Coronapandemie hat er starke Aktivitäten auf Telegram-Kanälen beobachtet. Abschließend stellte er fest, dass als ein zentraler Gedanke des „Anastasianismus“ die Rede davon sei, die Menschen in eine „Neue Welt“ zu führen. Dieses neureligiöse und völkische Konzept werde mit rechtem und antisemitischem Gedankengut vermischt, zudem bestehe ideologisch und personell eine Nähe zu der AfD, zu Reichsbürgern, Verschwörungsgläubigen und der QAnon-Bewegung. Mittlerweile seien die Behörden und die Politik auf die Bewegung aufmerksam geworden, wie auch Anfragen in Landesparlamenten und dem Bundestag belegten.

Der Vortragsabend wurde von der Lippischen Landeskirche in Kooperation mit dem Lippischen Landesmuseum Detmold und dem Kreis Lippe veranstaltet. Dr. Matthias Pöhlmann ist Kirchenrat, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sowie Lehrbeauftragter für Religionswissenschaft und Religionsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Kürzlich ist sein Buch „Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen“ im Freiburger Herder-Verlag erschienen.

 

 

 

02.09.2022

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