Die moderne Hexenjagd im Internet

Vortrag: Kommunikationswissenschaftler Fabian Prochazka erklärt das Phänomen der Online-Hasskommentare

Fabian Prochazka sprach über Hasskommentare im Internet.

Detmold. Sind Hasskommentare im Internet eine neue Form der Hexenverfolgung im digitalen Zeitalter? Dieser Frage ging der Kommunikationswissenschaftler Fabian Prochazka (Hohenheim) auf Einladung des Bildungsreferats der Lippischen Landeskirche in Kooperation mit dem Dietrich-Bonhoeffer-Berufskolleg (DBB) in der Mensa des DBB auf den Grund. In seinem Vortrag „Digitaler Hass – Die ‚Hetz‘ im Netz“ zeigte er auf, wie sich Menschenverachtung in den sozialen Netzwerken verbreiten kann.

Der „Arbeitskreis Hexenverfolgung“ des Ortsvereins Detmold im Lippischen Heimatbund, der jedes Jahr mehrere Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung in Detmold initiiert, befasst sich seit vielen Jahren mit den Verbrechen, die in der Frühen Neuzeit gegen vermeintliche Hexen und Hexenmeister begangen wurden. Wie passt das zeitgenössische Phänomen von Internethass und Online-„Fake News“ da hinein?

Fabian Prochazka sieht eine Analogie: „Damals wurden aus Irrglaube und Fehlinformation fürchterliche Verbrechen begangen von Menschen, die sich fälschlicherweise im Recht fühlten“, meinte er. „Das trifft auch heute auf Hasskommentare und Anfeindungen gegen Flüchtlinge zu.“

Ob die Forderung, vermeintlich straffällig gewordenen Flüchtlingen die Hände abzuhacken und über Syrien abzuwerfen oder der Rat, für das „Pack“ bitte „noch einmal“ die Öfen anzumachen: In der Anonymität des Internets seien Rassismus und Hass an der Tagesordnung. Rund zehn Prozent der Kommentare auf „Facebook“ sowie den Nachrichtenseiten von „Spiegel“ und „Bild“ enthielten direkte Beleidigungen, mehr als jeder dritte Beitrag beruhe zudem auf Stereotypen und Vorurteilen. Themen aus den Bereichen Politik und Wirtschaft seien allgemein besonders umstritten, hätten jedoch mit der sogenannten Flüchtlingswelle ab 2015 ein neues Level erreicht: „Die Diskussionen entgleisen so häufig, dass mittlerweile viele journalistische Angebote auf Facebook auf das Flüchtlingsthema verzichten.“

Durch die Partizipationsmöglichkeiten der neuen Medien seien alte Sender-Empfänger-Modelle, in denen journalistische Medien die einzige Informationsquelle für die Bürger darstellten, aufgebrochen. Hinzu komme die Technik der algorithmischen Personalisierung: Anhand des Nutzerverhaltens optimiere das System die Auswahl der in „Facebook“ oder „Google“ dargestellten Inhalte nach den jeweils individuellen Interessen und Einstellungen – eine „Filterblase“ entstehe. Durch das Fehlen dissonanter Inhalte sehe sich der Nutzer so in seiner Meinung bestätigt. Dabei gehe der Großteil der Online-Kommentare tatsächlich auf eine sehr kleine Gruppe zurück, die aber laut vorgehe und dadurch sichtbar werde. Seriöser Journalismus hingegen erlebe eine Vertrauenskrise in Teilen der Bevölkerung. Dabei ist eine ausgewogene, wahre Berichterstattung für Prochazka wichtiger denn je. Zudem sei das Problem eine Bildungsfrage, und zwar unabhängig von den jeweiligen Technologien. Ausgrenzung und Hass seien kein neues Online-Phänomen – wie schon die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit zeigten.

 

 

06.03.2018

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